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November 27 2010

Piist3

Fragen und Antworten

Was die Diplomatendepeschen wirklich aussagen

WAS ZEIGEN DIE DOKUMENTE?

Die nun über die Plattform WikiLeaks enthüllten Dokumente bestehen aus

  • insgesamt 251.287 sogenannten diplomatischen Kabeln, die US-Botschaften, -Konsulate und -Vertretungen aus aller Welt an das US-Außenministerium in Washington geschickt haben,
  • und mehr als 8000 Direktiven des US-Außenministeriums an die diplomatischen Vertretungen in aller Welt.

Ein einziger Bericht geht zurück bis ins Jahr 1966, die weitaus meisten sind jünger als 2004 - damals wurde SIPRNet eingerichtet, die Datenbank, aus der das Material stammt (siehe unten). Die Zahl der Depeschen ist stetig gewachsen, allein aus den ersten beiden Monaten dieses Jahres stammen 9005 Dokumente. Danach bricht der Strom in dem WikiLeaks zugespielten Material ab. Aneinander gereiht ergeben die Depeschen genug Stoff, um 66 SPIEGEL-Jahrgänge zu füllen.

Der SPIEGEL, die "New York Times", der Londoner "Guardian", der Pariser "Monde" und die Madrider "País" haben das Material gesichtet, analysiert und überprüft. WikiLeaks hatte das Material zur Auswertung überlassen.

Jede Depesche besteht aus Datum, Urheber, Adressat, Geheimhaltungsstufe und dem eigentlichen Telegrammtext. In letzterem werden oft auch Namen von Informanten erwähnt. Der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE haben sich deshalb entschieden, die Masse der Dokumente nicht zugänglich zu machen, sondern nur aus einzelnen Depeschen zu zitieren oder einzelne Kabel zu dokumentieren, in denen die Namen von Informanten unkenntlich gemacht sind - es sei denn, der Name des Zuträgers ist von politischer Relevanz.

Die Berichte aus den Ländern sind in der Regel von Diplomaten verfasst, also Botschaftern, Konsuln oder ihren Mitarbeitern. Meist enthalten sie Einschätzungen der politischen Lage im jeweiligen Land, Gesprächsprotokolle, Hintergründe zu Personalentscheidungen und Ereignissen - oder auch Psychogramme einzelner Politiker.


WOHER KOMMT DAS MATERIAL, WIE BRISANT IST ES?

Wie die zuvor über WikiLeaks enthüllten Irak- und Afghanistan-Protokolle wurden die Botschaftsdepeschen über ein geheimes Nachrichtennetz verschickt, das Secret Internet Protocol Router Network (SIPRNet). Dieses US-Regierungsnetz dient dem Transport von Dokumenten, die Verbreitungsbeschränkungen bis zur Stufe "secret/geheim" unterliegen. Diese zweithöchste Geheimhaltungsstufe wird laut Regierungsdefinition für Informationen verwendet, deren Veröffentlichung "der nationalen Sicherheit der USA schweren Schaden zufügen" könnte. Depeschen der Kategorie "top secret/streng geheim" sind in den WikiLeaks zugespielten Daten nicht enthalten, sie werden über einen eigenen Zugang verbreitet.

Gut die Hälfte der jetzt bekannt gewordenen Botschaftskabel unterliegt keiner Geheimhaltungsstufe, 40,5 Prozent sind als "vertraulich" eingeordnet und nur sechs Prozent respektive 15.652 Depeschen als "geheim". 4330 davon sind so brisant, dass sie als "Noforn" ausgewiesen sind, also Ausländern nicht zugänglich gemacht werden dürfen.

2,5 Millionen US-Vertreter haben Zugriff auf das SIPRNet-Material - Angestellte aus vielen Ministerien und Behörden, erfahrungsgemäß wird die Datenbank aber vor allem von Angehörigen des Verteidigungsministeriums abgerufen. Sie ist von bestimmten Computern aus zugänglich, die in Operationszentralen der Streitkräfte zu finden sind. Anmeldungsprozeduren und das Passwort wechseln etwa alle 150 Tage. Selbst "top secret"-Material steht immerhin noch etwa 850.000 Amerikanern zur Verfügung. Die Veröffentlichung der Botschaftsdepeschen ist ein Unfall, der früher oder später eintreten musste.


Grafik: aufbau der depeschen
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DER SPIEGEL

Grafik: Aufbau der Depeschen

WIE LIEST MAN DIE DOKUMENTE?

Im Gegensatz zu den US-Militärprotokollen aus dem Irak und Afghanistan sind die diplomatischen Telegramme leichter lesbar. Sie enthalten weniger Abkürzungen im Text und werden in der Regel ohne Zeitdruck in einem Büro erstellt. Dennoch sind einige Codes im Kopfbereich der Dokumente erklärungsbedürftig - in der Grafik links erfahren Sie anhand einer Musterdepesche, wie sie aufgebaut ist und welche Daten darin im Detail notiert sind. Im Video oben bekommen Sie erklärt, wie man die Dokumente liest und auswertet.


WIE VERLÄSSLICH SIND DIE INFORMATIONEN?

Diplomaten berichten in den Depeschen über Ereignisse aus aller Welt und stellen dabei häufig Politiker und ihre Motive bloß. Vieles wird in dem Glauben notiert und verschickt, dass die Protokolle während der kommenden 25 Jahre nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Das erklärt vermutlich, warum die Botschafter und Gesandten der USA auch viel Klatsch und Berichte vom Hörensagen an die Zentrale melden.

Den Reiz der Dokumente macht aus, dass viele Diplomaten und Politiker im Vertrauen auf die Geheimhaltung die Wahrheit aussprechen; zumindest so, wie sie diese sehen. Allerdings: Welche Informanten die Wahrheit sagen, wer nur Hörensagen wiedergibt, was womöglich gar eine gezielte Intrige oder Lüge ist - das lässt sich nicht immer zweifelsfrei erkennen.


IST DER DATENSATZ VOLLSTÄNDIG?

Wie genau der Dokumentensatz zustande gekommen ist, ist unklar. Es wäre durchaus möglich, dass überproportional viele oder wenige Meldungen aus einem Land oder einer Region in die Datensammlung eingegangen sind. Auch zeitlich oder inhaltlich ist eine Verzerrung denkbar.

Bekannt ist, in welcher Einrichtung das Material aus dem US-System entnommen wurde, - nicht aber, unter welchen Umständen der WikiLeaks-Informant das Material kopiert hat. Er könnte in Zeitnot gewesen sein. Er könnte gestört worden sein. Er könnte Material gezielt oder zufällig ausgewählt haben oder eben doch den komplett vorhandenen Satz kopiert haben. Dieser Satz könnte ebenso eine Auswahl gewesen sein - nach unbekannten Kriterien. Der Informant oder andere Personen können auch nachträglich ausgewählt haben. "Top Secret"-Dokumente fehlen schon deshalb, weil sie über einen anderen Zugang verbreitet werden, auf den der Informant möglicherweise nicht zugreifen konnte oder wollte.


WIE HALTEN ES ANDERE LÄNDER?

Die Offenheit in den internen Dokumenten ist nicht ungewöhnlich. Nur nach außen hin ergeht sich die Weltdiplomatie in gedrechselten Formulierungen - nach innen wird durchaus Klartext gesprochen, das halten nicht nur die USA so.

Auch technisch ist das US-System keine einzigartige Lösung. Deutschland zum Beispiel verlässt sich auf ein ähnliches System. Ein gesichertes Intranet, ebenfalls 2004 eingerichtet, verbindet alle Botschaften und Generalkonsulate mit dem Auswärtigen Amt. Die deutschen Diplomaten unterteilen ihre Korrespondenz in vier Geheimhaltungsstufen: "Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch", "Verschlusssache - Vertraulich", "Geheim" und "Streng geheim". Die Verschlüsselung übernimmt ein System namens Sina. Wie viele Personen genau Zugang zu dem Netzwerk haben, ist unbekannt.

Fragen und Antworten: Was die Diplomatendepeschen wirklich aussagen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik
Reposted fromfasel fasel

April 02 2010

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Folds Does Merton live before an audience at the Fillmore in Charlotte, North Carolina on March 20th, 2010.
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March 07 2009

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